Deutsch: „Liebe vom ersten Ton an“
Roland Kaehlbrandt über sein Buch: Klang, Wortschöpfungen und Sprachvielfalt

Deutsch gilt als präzise und logisch, aber auch als hart und unschön. Der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt hält dieses Urteil für ein kulturell bedingtes Zerrbild. In „Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung“ (Piper Verlag) zeigt er, wie klangvoll, bildhaft und wandlungsfähig das Deutsche ist.
Das Deutsche gilt oft als hart oder unschön. Woher kommt dieses Vorurteil?
Das Vorurteil, Deutsch sei unschön, ist ein kulturell und historisch bedingtes Zerrbild. Schon im 17. Jahrhundert klagt der Grammatiker Georg August Schottel, die Deutschsprachigen würden gehalten für „grobe brummende Leute, die mit rösterigen Worten daher grummen.“ Dabei ist das Deutsche durchaus klangvoll. Deshalb sagte John le Carré: „Liebe vom ersten Ton an“. Präzise ist das Deutsche wegen der spielend leichten Zusammensetzbarkeit der Wörter. Aber nicht nur präzise ist es, sondern auch schön, wenn Sie an die Bildlichkeit seiner Komposita denken.
Was macht eine Sprache schön?
Kriterien des Schönen sind Harmonie in der Ordnung, aber auch Belebung und Fülle. „Sinnliche Erkenntnis“, sagte der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten; also das, was unser Assoziationsvermögen mobilisiert: Ausdruckswechsel, ungewöhnliche Wortstellungen, Sprachbilder. Meine Frage lautet deshalb: Was bietet uns das Deutsche an stilistischen Wahlmöglichkeiten?
Was fasziniert Sie an den sprachlichen Möglichkeiten des Deutschen?
Mich fasziniert die Wendigkeit des Deutschen. Unsere zusammengesetzten Wörter – ein Geschenk! Nebelglanz, Abendschimmer, Traumglück. Aber nicht nur unsere Klassiker haben schöne Wörter erfunden. Schülerinnen und Schüler nannten mir kürzlich Mitternachtsblau und Rosenrot.
Hat sich Ihr eigener Blick auf das Deutsche durch Ihre Arbeit verändert?
Mein Blick ist naturgemäß genauer geworden. Nehmen Sie allein die Mundarten – ein unglaublich großer Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten. Oder unsere unterschätzte Umgangssprache: Sie bietet Mutterwitz, Bauernschläue, Hintersinn, Anspielungen und Bildlichkeit zuhauf.
Was schätzen Sie am Deutschen im Vergleich mit dem Italienischen?
Jede der 7000 Sprachen der Welt hat ihre Reize, ihre besonderen Strukturen, ihre Unvergleichlichkeit. Das Italienische klingt mit seinen vielen offenen Vokalen am Ende der Wörter überaus volltönig. Aber auch das Deutsche hat seine Langvokale: Sehnsucht, Wohlwollen … Es ist doch schön, dass wir die Vielfalt der Sprachen haben. Humboldt sagte, es seien „Weltansichten“.
In Südtirol leben Deutsch und Italienisch in engem Kontakt. Kann diese Mehrsprachigkeit den Blick auf die Schönheit des Deutschen verändern?
Mehrsprachigkeit ist in Wahrheit ein hoher Anspruch. Können wir mehrere Sprachen gleich gut? Wahrscheinlich nicht. Aber eine befruchtende Koexistenz ist möglich, vorausgesetzt, eine der Sprachen wird bestmöglich gekonnt – Stichwort gesellschaftliche Teilhabe.
Ist Sprachwandel eine Gefahr für die Sprachkultur?
Das Deutsche ist eine vitale europäische Sprache. Seine grammatischen Strukturen sind erstaunlich stabil, sein Wortschatz ist enorm angewachsen. Durch leichte Wortbildung sind neue Dinge ganz leicht zu benennen. Statt Public Viewing kann man auch „Rudelglotzen“ sagen. Das erfanden Schülerinnen und Schüler bei einer Lesung. Eine Frage des Sprachbewusstseins, nicht der Sprache.
Welches deutsche Wort lieben Sie besonders?
„Waldeinsamkeit“ von Ludwig Tieck. In diesem wunderbar zusammengesetzten Wort bündelt sich ein unvergleichliches Stimmungsbild des romantischen Gefühls.
Welcher Satz könnte jemanden von der Schönheit des Deutschen überzeugen?
Mit einem Satz von Joseph Roth aus Radetzkymarsch: „Silbern im Mondlicht schimmerte die Straße.“
[Fabian Daum]
Titel: „Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung“
Autor: Roland Kaehlbrandt
Verlag: Piper Verlag, München
Umfang: 320 Seiten
Ein Plädoyer für die klangvolle, klare, anschauliche und nuancenreiche Seite des Deutschen – mit Beispielen aus Literatur, Liedern, Reden und Mundarten.
Vortrag und Diskussion: moderiert von Nina Schröder, Dienstag, 20. Oktober 2026, 18 Uhr, Waltherhaus, Sparkassensaal, Schlernstraße 1, Bozen. Eintritt frei.
ZUR PERSON
Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt lehrt Sprachwissenschaft an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Er studierte romanische und germanische Philologie in Köln und Paris und promovierte in romanischer Sprachwissenschaft. Seine Bücher „Deutsch – eine Liebeserklärung“ und „Von der Schönheit der deutschen Sprache“ sind SPIEGEL-Bestseller. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für sein Engagement für Sprachbewusstsein und Sprachkultur erhielt er deutsche und französische Auszeichnungen.










































































































































