CULTURE

Der zweite Blick
Die Malereien von Andrea G. Zingerle

02 teatro cristallo

Andrea G. Zingerle, Jahrgang 1968, ist eine freischaffende Künstlerin, die sich schwer einordnen lässt – weder was ihre Bildmotive betrifft, noch in Bezug auf das Genre oder das Material. Vor kurzem war sie in zwei Ausstellungen zu sehen: einmal in den SKB Artes des Südtiroler Künstlerbundes und dann in der Galerie des Verbandes der Künstler in der Bozner Bindergasse. Grund genug, um uns die Künstlerin genauer anzuschauen.

Wesen aller Art – WesenArt
„WesenArt“ heißt der Katalog, der anlässlich der Ausstellung in den SKB Artes erschienen ist. Darin sind zwei unterschiedliche und dennoch verwandte Bildzyklen zu sehen, die ab 2015 und dann ab 2025 entstanden sind und dem Buch seinen Namen geben.
Ersterer von beiden ist phantastischen Figuren gewidmet, die fast wie von selbst auf den Leinwänden von Andrea G. Zingerle erschienen sind: „Als ich die ersten Wesen dieser Serie gemalt habe, war ich selbst erstaunt über das Ergebnis. Da kamen viele Gefühle zum Ausdruck – Angst, Aggression, Wut sowie verschiedene Urkräfte – und im Nachhinein bin ich froh, dass ich sie gemalt habe. Bei einigen Bildern bin ich selbst erschrocken, als sie entstanden sind. Wenn ich die Arbeiten ausstelle, dann lasse ich sie los, gebe sie gewissermaßen ab.“

Gefühlszustände
Statt anhand menschlicher Portraits, tastet sich Andrea G. Zingerle über die Darstellung von Tieren an den Ausdruck verschiedener Emotionen und Charaktere heran. Es sind Bilder, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind und an denen sie immer noch arbeitet. Eigentlich handelt es sich um tierische Portraits, die einen scheuen Hasen oder eine neugierige Robbe zeigen und augenzwinkernde Titel tragen: Das Stachelschwein wird zum „schuppen_hauer“, in Anlehnung an die „Parabel der Stachelschweine“ von Schopenhauer, und der Leopard hechtet im rosa Gewand „verkleidet“ über die Leinwand. Doch diese verspielt wirkenden Bilder sind doppelbödig, denn sie wecken zwar Staunen und Neugier, sie schärfen aber auch den Blick für den Zustand der Welt, wo große Unternehmen den Lebensraum von Mensch und Tier zerstören. „Ich könnte natürlich all die schlechten Szenarien darstellen“, sagt Andrea G. Zingerle, „aber ich denke lieber über einen möglichen Ausweg nach. Und den finde ich im Kleinen, zum Beispiel bei einer Stabheuschrecke, und bei all den anderen Dingen, die wir oft übersehen. Das sind für mich Lichtblicke.“

Konkrete Abstraktion
Andrea G. Zingerle hat ein reiches Portfolio, das neben den bereits beschriebenen Serien zahlreiche weitere, auch sehr unterschiedliche Arbeiten umfasst. Einige Acrylbilder hat sie der Unterwasserwelt gewidmet, es gibt Drucke in schwarz-weiß und in Farbe von Insekten oder Pflanzen, wiederum andere Werke erinnern an Blumen, Gestirne oder stilisierte Vögel. Das Thema der Ausstellung in der Bindergasse war hingegen die Schaukel, die die Künstlerin als Metapher für das Leben begreift: auf und ab, hin und her, vor und zurück – festhalten und loslassen, fliegen und fallen, sehen und erinnern. Viele dieser Arbeiten wirken abstrakt, aber Andrea G. Zingerle ist nicht ganz einverstanden mit diesem Adjektiv: „Ob figurativ oder abstrakt, das macht für mich keinen Unterschied. Ich gehe von einem Gefühl aus und sicherlich verlieren sich manchmal dessen Spuren im Prozess, aber für mich ist der Ausgangspunkt immer noch konkret spürbar bzw. es genügt, dass das Bild am Ende stimmig ist“

[Adina Guarnieri]

Andrea G. Zingerle hat Erziehungswissenschaften und Kunstgeschichte in Innsbruck studiert.Es folgten zahlreiche Workshops und Sommerakademien im bildnerischen Bereich. Seit 1990 ist sie an verschiedenen Fach- und Oberschulen tätig.

 

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