Theater im Wonnemonat
Was der Mai auf den Bühnen bereithält

Nicht mehr lang und dann ist er auch schon da: der Sommer. Aber bevor die Bühnen des Landes in die wohlverdiente Pause starten, warten sie nochmal so richtig auf mit hochkarätigen Produktionen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, bespielt mit modernen Klassikern, Comedy und Musik.
Beginnen wir mit dem Südtiroler Kulturinstitut und dem Gastspiel des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Auf dem Programm steht „Unser Deutschlandmärchen“ (6.-7.05. Waltherhaus Bozen), in dem Mutter Fatma und Sohn Dinçer ihr Leben Revue passieren lassen – ihr Deutschlandmärchen eben, das kein Märchen war. Zwei Generationen kämpfen sich auf der Suche nach Identität, Sprache und dem eigenen Platz durch unerbittliche Verhältnisse, mal miteinander, mal gegeneinander. Beide sind ungeheuer starke Menschen auf dem Weg zu unerreichbaren Heimaten. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Romandebüt von Dinçer Güçyeter, der dafür 2023 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Er verwebt darin Motive seiner eigenen Lebensgeschichte und der seiner Mutter, die als Gastarbeiterin aus der Türkei nach Deutschland kam. Die Uraufführung von Regisseur Hakan Savaş Mican überzeugte Publikum wie Presse: „Ein ebenso witziges wie hoch emotionalisierendes Bühnenereignis“ (nachtkritik.de).
Die Dekadenz Brixen zeigt „In drei Tagen bist du Frustbuchtl. Oder: Sag ja zu Südtirol“ von Dietmar Gamper (ab 8.05.). Die beiden Österreicherinnen Christa und Margit wohnen nun schon ihr halbes Leben in Südtirol. Sie haben es zur Spargelkönigin und zur E-Mountainbike-Guidin gebracht, aber haben sie sich wirklich integriert? Haben sie sich der Angepasstheit angepasst, sind sie dem Konformismus konform geworden? Der selbsternannte Südtirol-Experte Reiner will dies in einer Integrationsshow prüfen, die darüber entscheidet, welche der beiden bleiben darf. Ein tragikomischer Abend über Identität und Individualität. Und dann marschieren wieder „Die Grantler“ Hans Heiss und Wolfgang Mayr im Kulturkeller auf – gewohnt kritisch und schonungslos. Welchen Gast laden sie diesmal zur Soirée ein? Sie erfahren es am 26. Mai.
Im Meraner Theater in der Altstadt wird’s historisch, und zwar mit „Alta tensione. Das Experiment” von Flora Sarrubbo (ab 07.05). Wir schreiben das Jahr 1965. Vor dem Hintergrund des Südtirol-Terrorismus geht es um zwei Familien: eine italienische in Rom und eine deutschsprachige in Bozen. Sie sind zwar weit voneinander entfernt, jedoch werden sie beide zu Spielfiguren und Opfern der nationalen und internationalen Politik. Zwischen ihnen liegen die Verstrickungen eines Geheimagenten, der als Brücke zwischen Südtirol und Rom fungiert, nebst realen historischen Persönlichkeiten – von Andreotti über Gehlen bis zu den Tiroler Neonazis. Die Inszenierung zwischen Realismus und Groteskem offenbart Mechanismen, die weit über das „Wir” und „Ihr” hinausgehen. Die Aufführung ist zweisprachig und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem TidA und dem Contro Tempo Teatro aus Bozen.
Sportlich geht es im Stadttheater Bruneck zu. Hier ist „Zwei Herren von Real Madrid“ zu sehen, eine Komödie von Leo Meier in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Salzburg (ab 9.05.). Zwei Männer begegnen sich im Wald. Beide sind Profifußballer bei Real Madrid. Auf dem Spielfeld sind sie nicht weit voneinander entfernt, aber weit genug, um sich nicht wirklich zu kennen. Umso charmanter und vielversprechender verläuft die erste Begegnung, und natürlich erregt die ungewöhnliche Beziehung rasch das Interesse der Öffentlichkeit… Regisseur Alexander Kratzer bricht mit Rollenbildern und behandelt ein Tabuthema – ausgerechnet in der gnadenlosen Welt des Profifußballs. Dann ist Christine Eixenberger mit „Volle Kontrolle“ zu Gast, in dem sie genussvoll ihre Beziehung aufs Korn nimmt (30.05.). Ihr Freund ist nämlich bei ihr eingezogen – mit allen Konsequenzen. Aber das hat sie voll unter Kontrolle. Meistens. Mit unermüdlicher Tatkraft trotzt sie nicht nur den kleinen Krisen im frischgebackenen Duo-Haushalt, sondern auch den großen dieser Welt. Tiefgründig, kurzweilig und sehr, sehr lustig.
Einen „kabarettistischen Höllentrip“ verspricht die Carambolage mit „AUWATZN?!“ von Peter Schorn (ab 8.05.). „Aufwatzen“ ist Südtirolerisch für „sich empören”, oft gebraucht als „Ett lång auwatzn zakkane!”. Anton A. Lighieri, Literaturstudent und Danteliebhaber, ist vom rechten Weg abgekommen. Abgedrängt von einer Wölfin, einem Waldluchs und einer marmorierten Baumwanze findet er sich an seinem 30. Geburtstag – nel mezzo del cammin – in einer obskuren Apfelplantage zwischen Gargazon und Burgstall wieder. Schnell wird klar: Anton muss in die Höllenkreise des Internets hinabsteigen, um das Betriebssystem zu hacken und zu retten, was zu retten ist. Folgen Sie ihm auf eine rasante Heldenreise mitten ins Herz des Systems, ganz ohne Schutzmacht, aber mit einem ausgeprägten Hang zum Komischen. Und wenn’s die Lachmuskeln noch erlauben, so findet am 30. Mai noch das allseits berüchtigte Improtheater statt, diesmal zu „Million Story Hotel“.
Einem bewährten Klassiker widmen sich die Vereinigten Bühnen Bozen: „Im weißen Rössl“, frei nach dem singenden Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg (ab 16.05.). Im berühmten Hotel am idyllischen Wolfgangsee geht es hoch her. Der charmant chaotische Oberkellner Leopold ist heimlich in seine Chefin, die Wirtin Josepha, verliebt. Die allerdings schwärmt für den Stammgast Dr. Siedler. Der wiederum interessiert sich für Ottilie, die Tochter des grantigen Fabrikanten Giesecke. Und als dann auch noch der Kaiser höchstpersönlich seinen Besuch ankündigt, ist das Chaos perfekt. Die bekannte österreichische Regisseurin Ruth Brauer-Kvam und ihr Team liefern ein fulminantes Werk mit viel Esprit, Witz und vor allem Liebe, die natürlich auch durch den Magen geht. Und: Am 23. Mai gibt es für den Vinschgau und das Pustertal den kostenlosen Theaterbus nach Bozen.
Und zum Schluss schauen wir nach Brixen, denn hier organisiert das Theaterpädagogische Zentrum das internationale Treffen für Jugendtheater „Sapperlot“ (6.-9.05.). Junge Künstlerinnen und Künstler aus Finnland, Großbritannien, Dänemark oder Kroatien bringen Themen auf die Bühne, die sie wirklich beschäftigen – ohne Filter, ohne Floskeln, einfach ehrlich. Dabei kommen viele Stücke ganz ohne Worte aus, denn Bewegung, Klang und Bilder erzählen die Geschichten, unabhängig von Sprache oder Herkunft. Hier erlebt man Jugendtheater, wie es sein sollte: frisch, mutig und nah dran an dem, was die Welt heute bewegt. Das Festival steht allen offen, also auf nach Brixen!
[Adina Guarnieri]










































































