CULTURE

„Die Freiheit der Libelle“: Wahrheit finden
Helene Mathà erzählt von Vergangenheit, Mut und der Kraft des Andersseins

Vor einem Jahr durften wir Helene Mathà mit ihrem regionalhistorischen Roman „Mutternacht“ kennenlernen. Nun kehrt die Südtiroler Autorin mit „Die Freiheit der Libelle“ (Effekt!-Verlag) zurück – einer Geschichte, die historische Spurensuche mit einer bewegenden Botschaft über Freiheit, Menschlichkeit und den Wert jedes Einzelnen verbindet.

Mit Maria hat Helene Mathà eine Protagonistin geschaffen, deren Suche nach der Wahrheit zugleich zu einer Reise in die innere Freiheit wird. Über ihren neuen Roman und die Gedanken dahinter haben wir mit der Autorin gesprochen.

Frau Mathà, mit Maria steht erneut eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt Ihres Romans. Wie ist sie entstanden und was zeichnet sie besonders aus?
Inspiration finde ich häufig in Gesprächen mit Frauen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen. So entstand Maria, die sich ihrer Familiengeschichte stellt. Was zunächst als Suche nach der eigenen Herkunft beginnt, führt sie schließlich zu einer tiefgreifenden Wahrheit. Um deren beängstigende Folgen anzunehmen, muss sie nach und nach jene innere Stärke entwickeln, die meine Frauenfiguren häufig auszeichnet.

In Bezug auf den Titel: Was bedeutet Freiheit für Sie?
Freiheit erfordert Mut, Angst verhindert sie. Um zur Freiheit zu gelangen, müssen wir unsere Komfortzone verlassen und unsere Furcht überwinden. Durch die Überwindung ihrer Angst vor der Wahrheit gelingt es Maria, innerlich frei zu werden. Sie ist nicht länger Gefangene ihrer Ungewissheit und ihrer Zweifel. Dass ihr dabei ein Mädchen mit Down-Syndrom den Weg zur Freiheit zeigt, ist von besonderer Bedeutung.

Welche Botschaft verbinden Sie mit der Figur des Mädchens mit Down-Syndrom?
Es war mir wichtig, jenen Menschen Raum zu geben, die aufgrund ihrer einfachen Weisheit eine große Bereicherung für unser Leben sein können. Ihren Wert erkennen wir in unserer schnelllebigen Gesellschaft und unserer vermeintlichen geistigen Überlegenheit oft nicht. Gerade deshalb wollte ich ihnen in dieser Geschichte eine Stimme geben.

Wie verbinden Sie historische Recherche und literarische Freiheit?
Neben der historischen Recherche nutze ich zusätzliche Quellen wie Briefe, Tagebücher oder Gespräche mit Zeitzeugen. Diese authentischen Sichtweisen sind für mich besonders wertvoll. Wie bei einem Puzzle fügen sich die Bruchstücke dessen, was ich gehört und gelesen habe, zu einer Geschichte zusammen. Handlung und Figuren sind frei erfunden, bleiben jedoch im historischen Kontext verankert.

Warum haben Sie die Libelle als Titel und Symbol Ihres Buches gewählt?
Diese Frage beantwortet Eva, das Mädchen mit Down-Syndrom, im Roman am besten selbst: „Sie (die Libellen) haben riesengroße Augen. Sie sehen alles. Auch das, was tief unten im See passiert, obwohl es dort dunkel ist. Wir Menschen schauen nicht gut. Es gibt Sachen, die wir nicht anschauen wollen, weil wir Angst haben. Die Libellen haben keine Angst“.

Wie haben Sie die erste Buchpräsentation erlebt, und was steht als Nächstes an?
Ich durfte „Die Freiheit der Libelle“ im Mai erstmals im inklusiven Hotel Masatsch einem großen und sehr interessierten Publikum vorstellen. Dafür bin ich allen, die mich unterstützt haben, sehr dankbar – besonders Teresa-Marie Bacher und Gertrud Matzneller, die den Abend souverän moderiert haben. Bis zum Herbst folgen weitere Lesungen in Südtirol, zwei Präsentationen in Österreich und im Oktober die Buchmesse „Blätterrascheln“ in Brixen.

Was sollen Ihre Leserinnen und Leser aus dem Roman mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass ich mit dieser Geschichte die Herzen der Leserinnen und Leser berühren und zugleich ein Stück Südtiroler Geschichte erfahrbar machen kann.

[Fabian Daum]

Zur Autorin: Helene Mathà lebt in Südtirol und schreibt regionalhistorische Romane. Nach ihrer Tätigkeit als Krankenpflegerin sowie als Lehrkraft und Koordinatorin für Inklusion an einem Gymnasium in Meran widmet sie sich heute ganz dem Schreiben. Im Mittelpunkt ihrer Bücher stehen vor allem starke Frauenfiguren und die Geschichte Südtirols.

Zum Buch: Maria ist Medizinstudentin. Im Sommer 1964 verbringt sie ihre Semesterferien in jener Bergregion, in der ihr früh verstorbener Vater während des Zweiten Weltkriegs als Arzt tätig war. Dort hofft sie, mehr über seine Vergangenheit zu erfahren – ein Kapitel, über das ihre Familie jahrzehntelang geschwiegen hat. Alte Briefe, verschwiegene Erinnerungen, der mysteriöse Fund einer Gletscherleiche und die Begegnung mit einem Mädchen mit Down-Syndrom führen sie Schritt für Schritt auf die Spur einer lange verdrängten Wahrheit.

 

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