Tempo und Rhythmus, Passion und Pressing
Vielseitigkeit hat einen Namen: Klarinettistin Andrea Götsch

Sie ist jung und erfolgreich, aber sie ist vor allem eines: extrem leidenschaftlich in allem, was sie tut. Die Südtiroler Klarinettistin hat geschafft, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist, nämlich ins Klarinettenregister der Wiener Philharmoniker aufgenommen zu werden. Daneben verwirklicht sie gerade ihren Kindheitstraum vom Dirigieren und spielt auch noch Fußball.
Andrea Götsch ist ein durch und durch positiver Mensch. Sie lacht oft, wenn man mit ihr spricht. Man merkt: Ihre Arbeit macht sie leidenschaftlich gern.
Andrea, auf deiner Webseite springt einem das „Conductor“ sofort ins Auge. Liegt der Fokus jetzt mehr auf dem Dirigieren als auf der Klarinette?
Ich möchte hier gar keine Gewichtung vornehmen. Das Dirigieren ist ein Kindheitstraum von mir. Ich empfinde eine extreme Leidenschaft dafür, die in den letzten Jahren wieder aufgekeimt ist. Neben meiner Tätigkeit als Klarinettistin mit fixer Stelle im Orchester der Wiener Philharmoniker bzw. im Staatsopernorchester, die ich auch sehr liebe, widme ich mich mit Freude dem Dirigieren. Wobei ich natürlich nicht so viel Zeit dafür habe, wie ich möchte. Aber ich nehme regelmäßig Unterricht bei Prof. Sophie Rachlin und hole mir auch Impulse verschiedener Dirigenten, zum Beispiel auch von denen, die ich mit den Wiener Philharmonikern erlebe. Zudem bin ich künstlerische Leiterin der Ehrphilharmonie Wien.
Empfindest du die Musik beim Dirigieren anders, als wenn du Klarinette spielst?
Musik hat etwas Verbindendes, sie löst in jeder und jedem etwas aus. Beim Dirigieren kann ich meine eigene Interpretation der Musik stärker ausleben, das finde ich extrem spannend. Es fühlt sich für mich ganzheitlicher an, da ich Ideen im Kopf habe und diese dann mit dem Orchester verwirklichen kann. Die große Arbeit ist für mich vor und bei den Proben. Ich muss ja zunächst die Partitur studieren und in den Proben meine Vorstellungen erarbeiten. Bei den Konzerten kann ich dann wirklich genießen, auch wenn ich vorne am Dirigentenpult stehe. Ich genieße auch das Klarinettenspiel, aber anders. Vor allem, wenn ich Pausen habe und ausschließlich dem Orchester lauschen kann (lacht), aber natürlich auch, wenn ich schöne solistische Takte spielen oder auch mit den Klängen meiner Kolleginnen und Kollegen verschmelzen kann.
Dein Debüt als Dirigentin hast du 2023 mit dem Orchester der Musikfreunde Meran gegeben und bist auch vor Kurzem in Algund, Gröden und Kaltern damit aufgetreten. Was bedeutet Südtirol für dich?
Südtirol bedeutet für mich Heimat. Wenn ich zu Hause bin, ist es wie ein Zurückkommen in die Kindheit. Leider viel zu selten. Darum hat mich das Gastspiel mit dem Orchester der Musikfreunde Meran auch sehr gefreut. Ich war früher selber Teil dieses Klangkörpers und habe auch noch viele Kontakte in Südtirol, zum Beispiel mit meinem ersten Lehrer Christian Laimer. Er hat mir einen unglaublich positiven Zugang zur Musik vermittelt und ist auch heute noch ein wichtiger Bezugspunkt für mich. Mittlerweile fühle ich mich aber auch in Wien sehr wohl.
Wie würdest du die Musikausbildung in Südtirol beurteilen?
Sehr gut. Die Musikschulen leisten gute Arbeit, und auch das Musikkonservatorium Bozen ist eine gute Ausbildungsstätte, die sich als Sprungbrett für Weiterstudien anbietet. Ich habe als Studentin immer wieder neue Sichtweisen erhalten, die mich extrem weitergebracht haben.
Für ein Studium fehlt dir die Zeit, sagtest du. Wie kann man sich eine Arbeitswoche bei dir vorstellen?
Jede Woche ist total unterschiedlich (lacht). Die Saison geht jetzt bis Ende Juni durch mit Opernproduktionen, jeden Tag spielen wir eine andere Oper. Dazwischen sind Proben angesagt, natürlich nicht nur Opern, sondern auch philharmonische Proben für verschiedene Konzerte. Wenn wir auf Tournee sind, gibt es auch jeden Tag Konzerte. Daneben bin ich Teil verschiedener Orchesterensembles und Kammermusikformationen und muss mich natürlich auch auf die Projekte der Ehrphilharmonie Wien und anderer Orchester vorbereiten.
Wo findet da der Fußball noch Platz? Und plagen dich keine Verletzungsängste?
Oh, der Fußball findet Platz (lacht). Wir haben im Orchester eine Fußballmannschaft, den Philharmonischen Fußballklub Wien, 1973 gegründet. Natürlich kann ich nicht bei jedem Training dabei sein, aber zwei- bis dreimal im Monat stehe ich fix auf dem Fußballplatz. Außerdem finden immer wieder Freundschaftsspiele gegen andere Orchestermannschaften statt, beispielsweise wenn wir in Japan sind. Und Nein, ich habe absolut keine Angst, mich zu verletzen (lacht).
[Sibylle Finatzer]
ANDREA GÖTSCH
Dirigentin, Klarinettistin, Komponistin, Fußballerin
www.andreagoetsch.com











































































































