Theatralischer November hoch zehn
Womit bestechen uns diesmal Südtirols Bühnen?

Die Tage werden kürzer – dafür die Theaterabende umso länger. Fürs Trübsal blasen bleibt da keine Zeit, denn die Spielpläne haben einiges zu bieten. Weltliteratur, Nervenkitzel und viel Kabarett machen den November zum Glanzlicht.
Auftakt in Meran, wo das Theater in der Altstadt „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe“ von Sibylle Berg präsentiert (ab 13.11., Regie: Eva Kuen). Internationale Konflikte nehmen zu und militärische Begriffe sickern in den Alltag ein. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich das Porträt eines Ingenieurs, der in die Aufrüstung verwickelt ist. Doch als ein scheinbar absurder Konflikt außer Kontrolle gerät und ihn persönlich erreicht, kippt die Perspektive. Er zieht sich in einen Bunker zurück, wo ein gedanklicher Monolog entsteht, um Sinn zu stiften in einer Welt, die sich jeder Logik entzieht. Ein Szenario, das weniger von der Zukunft erzählt als von einer Gegenwart, die bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Das Stadttheater Bruneck spielt „Der Videobeweis“, eine Komödie von Sébastien Thiéry (ab 8.11., Regie: Torsten Schilling). Justine und Jean-Marc, seit 25 Jahren verheiratet, bekommen nach einem Streit in ihrer Küche ein Video zugeschickt, das just diesen Streit dokumentiert. Wer hat die Kamera dort installiert und wann? Sie entfernen die Webcam, dennoch erhalten sie weitere Videos, die sie mit ihren großen und kleinen Lügen konfrontieren: „Du wirfst heimlich dein Essen in den Mülleimer?“ – „Wer war das da mit dir in der Küche?“ Thiéry geht der Frage nach, wie viel Transparenz eine Beziehung verträgt und schafft damit das Komödienpendant zur Dystopie-Serie „Black Mirror“.
Die Dekadenz in Brixen zeigt den neuen Monolog von und mit Simon Kostner „Ich liebe mich… oder vom (Un-)Glück, ein Gutmensch zu sein“ (13.11., Regie: Dietmar Gamper). Nach seinen Programmen „Badiotten“ und „Über Unverträglichkeiten und andere Haustiere“ öffnet der Schauspieler erneut die Tür zu seiner Gedankenwelt – ein Ort voller Ironie, Absurdität und überraschender Erkenntnisse. Kommen Sie ohne Erwartungen. Gehen Sie mit allem. Oder nichts. Hauptsache, Sie sind da (sollten sie die Aufführung verpassen: Simon Kostner ist am 26.11. in der Carambolage). Aber der Kulturkeller widmet sich auch ernsten Themen, wie in „Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt“ von Felicia Zeller (28.-29.11., Regie: Michaela Senn). Das Stück erzählt von den Erfahrungen von Frauen, die im Frauenhaus Schutz gesucht haben. Dokumentarisches Material trifft auf Interviews mit Betroffenen, Mitarbeiter:innen, Ärzt:innen und Jurist:innen. Dabei stehen nicht Opferbilder im Mittelpunkt, sondern Frauen, die den Mut finden, ihr Leben neu zu gestalten.
Die Carambolage in Bozen wartet mit einem Highlight auf: dem 24. Europäischen Kleinkunstwettbewerb „Niederstätter surPrize“ (4.-6.11.). Dieses Jahr dreht sich alles um Fenster, Türen und neue Perspektiven, denn Öffnungen werden hier zu Übergängen in andere Welten. Es erwarten Sie drei außergewöhnliche Beiträge der internationalen Kleinkunst: das italienische Ensemble Eccentrici Dadarò, die Schweizer Performerin Annina Mosimann und das ukrainische Pantomimenquartett Dekru. Und nach der Sause ist Max Beier mit seinem „Love & Order“ dran (13.-14.11.). Der preisgekrönte Kabarettist fegt über die Bühne und reißt sein Publikum mit einer Mischung aus Stand-up, Musik, Sprachakrobatik und gesellschaftlicher Satire von den Sitzen. „Fesselnd und voller Esprit“, so der Donau Kurier. Am 17. November rockt wieder das Improtheater die Silbergasse, und anschließend ist Romeo Kaltenbrunner mit „Heimweh“ zu Gast (27.-28.11.). Romeo muss heim – von Wien nach Oberösterreich. Bei dieser Zeitreise in die Jugend besucht er ein Zeltfest, auf dem immer noch die gleiche Band wie vor 15 Jahren spielt, und wo immer noch dieselben Nazis zirkulieren. Berauscht von Grillhendl-Duft und Jägermeister wird er nostalgisch. Soll er am Ende gar nicht mehr zurück nach Wien, wo die Menschen zwar liberaler, aber auch fader sind?
Die Vereinigten Bühnen Bozen widmen sich einem Klassiker: „Vanya“ nach Anton Tschechows „Onkel Wanja“ in der Adaption von Simon Stephens (ab 7.11., Regie: Rudolf Frey). Vanya trauert um seine Schwester, sein vertanes Leben, seine vergebliche Liebe zur schönen Helena, der jungen Frau seines Schwagers Alexander. Als Alexander nach dem Karriereaus in der Großstadt zurückkehrt auf den Hof seiner Tochter Sonja, bricht die Sehnsucht aus: Sonja will den ehemals gutaussehenden Arzt Michael, Michael will Helena und Alexander will Sonjas Hof. Und Vanya? Vanya will Alexander erschießen. In der provinziellen Enge träumen Tschechows Figuren voneinander und leben doch im Zeichen des Verzichts. Simon Stephens radikale Adaption – ein Schauspieler spielt alle Figuren – schlägt den Bogen von den gesellschaftlichen Zersetzungsprozessen des endenden 19. Jahrhunderts zu der Verlust-Epoche unserer Gegenwart.
Die Stadtbühne Sterzing inszeniert „Der Gott des Gemetzels“ nach dem berühmten Theaterstück von Yasmina Reza (bis 14.11., Regie: Markus Oberrauch). Ein Streit unter Kindern bringt zwei Elternpaare an einen Tisch. Was als höfliches Gespräch beginnt, entwickelt sich jedoch schnell zu einem erbarmungslosen Schlagabtausch. Mit jeder Minute bröckeln die guten Manieren, bis es längst nicht mehr um die Kinder geht. Eine bitterböse Komödie über vier Erwachsene, die zivilisiert bleiben wollen – und dabei eindrucksvoll zeigen, wie dünn die Schicht der guten Umgangsformen sein kann.
Das Südtiroler Kulturinstitut bringt zwei Gastspiele ins Land. Das erste ist das Berliner Ensemble mit „Mein Name sei Gantenbein“ (17.-19.11. Waltherhaus Bozen). Stellen Sie sich vor, Sie lassen alles hinter sich und fangen neu an: andere Stadt, anderer Beruf, andere Liebe. Stellen Sie sich vor, Sie selbst würden bestimmen, wie Ihr Leben verläuft. Aber Moment: Tun wir das nicht? In „Mein Name sei Gantenbein“ treibt Max Frisch diese Frage auf die Spitze. Regisseur Oliver Reese inszeniert diesen letzten großen Frisch-Roman mit Matthias Brandt, der dafür nach 20 Jahren Film auf die Theaterbühne zurückkehrt. Das Metropoltheater München zeigt hingegen den Polit-Thriller „Putsch“ (24.11. Schlanders, 24.11 Brixen, 26.11. Meran). Klara ist eine erfolgreiche Stand Up-Comedian mit eigener TV-Show. Doch nach einer unbequemen Äußerung wird ihre Sendung abgesetzt und Klara avanciert über Nacht unfreiwillig zur Ikone der Meinungsfreiheit. Und auch eine rechtspopulistische Partei wittert Klaras Potential…
[Adina Guarnieri]





























































































































































