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Elisabeth Frei: Wachstum und Gewachsenes - Veröffentlicht von martin_inside

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Event-Informationen

Einführung: Dr. Leo Andergassen

Wachstum und Gewachsenes
Die Ausstellung im Stadtmuseum Klausen zeigt ab dem 2. September die jüngsten Arbeiten der Künstlerin Elisabeth Frei. Der Ort ist nicht ohne Überlegung gewählt, gilt doch dem Ensemble von Klausen/Säben eine der ersten meisterhaften Landschaftswiedergaben der Kunstgeschichte. Dürer hat in der Bodenkulisse seiner auf der Kugel des Schicksals balancierenden Fortuna die damalige „kleine Welt“ in aller Detailgenauigkeit eingefangen und sie damit zur Rezeptionsfläche menschlichen Glücks erkoren. In den ersten Räumen sind großformatige Baum-Arbeiten versammelt, im letzten finden sich Baumschnitte aufgemalt, die nehmen die „Brennend Liab“ in ihre Mitte.
Nun fängt auch Elisabeth Frei Naturfragmente ein. Sie findet diese in ausdrucksstarken, wie tot daliegenden Baumstämmen, abgelaubt, ohne Leben, in ihrem Innern von Würmern und Borkenkäfern gespalten, ausgehölt und beschädigt, zur Unkenntlichkeit abgenagt. Die verästeten Baumstämme haben aber noch ein Restleben in sich. Dieses Leben spiegelt die Verursacher vergänglichen Glücks: Den evulutionärgläubigen Menschen. Es sind Bilder, die in formruhiger Kulisse daherkommen, so als wäre die durch die Natur veranstaltete Revolution das einzig Sichere, was noch erwartet werden kann. Vor der Kulisse der Trostburg ist die Autobahn fahrzeugleer, die Bahn durchbrochen, konkurrenzierend schieben sich nun kahle Gewächse nach oben und verschwinden im Rasterwerk einer Umspannleitung. Immer wieder finden wir Birkenstämme, auch Stämmchen, die sich lyrisch gegen gehörnte Baumkulissen behaupten. Tier und Natur sind zu einem Sinnbild verschmolzen, Menschenwerk bewirkt die Störung. Elisabeth Frei hat die Idee des „Brennerbasistunnels“ im Eisacktal als Röhre in die Vergangenheit gedeutet. In den Baumschnitten zeigen sich Reminiszenzen aus dem Loretoschatz, Veduten kuscheliger Heimeligkeit und historische Interieurs, sozusagen eine Hommage an den Ausstellungsort. Die Röhre Baum mutiert zur Verkehrsader, in der Rinde spiegelt sich Verbautes. Was zu Marcel Brion in seinem Standartwerk „Jenseits der Wirklichkeit. Phantastische Kunst“ 1962 zur Malerei des Phantastischen durchklingt, passt zweifelsohne zu den Arbeiten von Elisabeth Frei: das Phantastische bricht sich hier in der Surrealität einer Natur. Nebeneinander liegen der Schrecken und das Heile, das Gemeine und das Schöne, es sind Bilder von beängstigender Diesseitigkeit, die nur durchbrochen wird, wenn sich die Vision einer anderen Welt zeigt. Doppeldeutig stehen die Artefakte der Vergangenheit in den Ruinen der Natur, das Phantastische wird zum Mahnmal gegen alle Zerstörung und menschlichen Wahn. Und zugleich herrscht eitler Bildfriede über der Vision einer nur mehr rückläufigen oder ausgesetzten Entwicklung. Wachstum wird zum beängstigenden Gespenstbegriff ohne jede Zukunft. Gewachsenes verbleibt ebenso tot und starr. Nur gelegentlich flattert ein Vogel (in der Art Alexander Koesters) auf und sucht das Weite. Man fragt sich dabei aber: Wohin will er denn ziehen? Und in den Strudel geordneter Jahresringe bringt sich nun erneut Dürer ein, seine Fortuna schwebt trittsicher auf ihrer Kugel, das Städtchen im ausgefressenen Holzloch unter sich lassend. Und auch sein übermaltes Konterfei erscheint, mit Dunkelbrille karikiert, an der Wurzel einer doppelten Linde. Detail am Rande: In der Brille spiegelt sich der Autobahnstau.
Elisabeth Frei bietet uns kein Trostpflaster gegen alle Zerstörung. Kein Wort predigt die Nachhaltigkeit, kein aufgescheuchter Vogel kräht nach Klimawandel. Der Mensch allein, er ist es, der sich aus dem Paradies vertreibt, hinein in die Leere und das Unbekannte. Die Blicke verlieren sich in Gängen und Höhlen, die Piranesis Prigioni nicht mehr unähnlich sind. Fortuna hat sich endgültig zum Schicksal gewandelt.

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