Kurator und Einleitung zur Ausstellung: Andreas Hapkemeyer:
Eine Schriftstellerin und Dichterin, die visuelle Texte in einer Kunstgalerie ausstellt, also auf Leinwand und Tafeln geschriebene Wörter: das ist „sën sënn“, die Ausstellung von Rut Bernardi, die am 8. November im Kreis für Kunst und Kultur in St. Ulrich eröffnet wird.
Was ist das Besondere an diesen visuellen Texten? Zum Beispiel, dass sie in der ladinischen Sprache verankert sind, und zwar in ihrer speziellen Verschriftlichung und ihrer speziellen Lautlichkeit. „Gedichte für Aug und Ohr“ nennt sie Rut Bernardi. Gedichte sind eben weit mehr als die Vermittlung von Inhalten, einer „Geschichte“.
Meist liefert Rut Bernardi eine Übersetzung ihrer Texte mit, damit auch Nicht-Ladiner den Wortlaut verstehen. Die unverwechselbare (und eben nicht übersetzbare) Wortwahl der Originaltexte, ihr besonderer Klang und ihr Rhythmus manifestieren sich erst beim lauten Lesen. Die Eröffnung ist daher auch von einer Lesung der Autorin begleitet.
Mit der sonoren Dimension korrespondiert die visuelle: die Texte sind so aufgeschrieben, dass ihr konstruktiver „Bauplan“ sichtbar wird. Es spielt bei diesen Texten eine Rolle aus wievielen Lettern ein Wort besteht, und aus welchen. So genau nimmt es Dichtung.
Die visuelle Dimension (Ausstellung) und die akustischen Dimension (Lese-Performance) zeigen, wie direkt und intensiv Bernardi mit der Sprache arbeitet, ihrer ladinischen Sprache, die in ihren Arbeiten eine „verbo-voco-visuelle“ Einheit sucht. So haben die brasilianischen Dichter der Noigandres-Gruppe in den 1950er-Jahren die Einheit aus Wortinhalt, Sound und Visualität bezeichnet, um die es ihnen ging. Bernardi schließt mit ihren Texten auf eigenständige Weise an der visuellen und sonoren Dichtung der 1960er und 70er-Jahre an. Dabei entwickelt sie eine ganz zeitgenössische Spielart experimenteller Dichtung, die ihre Begründung und gleichzeitig ihre Besonderheit aus dem von einer Minderheit gesprochenen Ladinischen bezieht