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Mohamed Bourouissa: Brutal Family Roots - Veröffentlicht von martin_inside

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Event-Informationen

Die Einzelausstellung von Mohamed Bourouissa in der ar/ge kunst ist eine Hommage an den Psychiater, politischen Philosophen und Revolutionär Frantz Fanon und dessen vielschichtige Beziehung zu der algerischen Stadt Blida, die auch die Geburtsstadt des Künstlers ist. Fanons Beitrag zum antikolonialen Kampf und seine tiefgründige Analyse der Wirkmechanismen von Unterdrückung und Rassismus werden in den beiden Installationen der Ausstellung Brutal Family Roots auf jeweils unterschiedliche Weisen artikuliert. Eine neu entstandene Auftragsarbeit und ein aus einem fortlaufenden Projekt hervorgegangenes aktuelles Werk – Incomplete Herbarium (2020) und The Whispering of Ghosts (2018–2020) – legen Zeugnis ab von Bourouissas entschiedener Haltung gegenüber der Geschichte sowie seinem konsequent verfolgten Ansatz, Formen der Zusammenarbeit und des Dialogs mit unterschiedlichsten Subjektivitäten zu begründen; er hört einer Pflanze, einem namenlosen Autor, einem Passanten, einem Psychiatriepatienten der Klinik von Blida und Fanon selbst zu, räumt einem jeden die gleiche Wichtigkeit ein, begreift sie alle als polymorphe Stimmen, als legitime Träger eigenständiger Arten von Wissen. Bourouissas skulpturale Assemblagen verweben diese Stimmen miteinander, betrachten jede von ihnen als unverzichtbaren Part in der Produktion einer kritischen und provokativen Erzählung.

Den ersten Raum nimmt Incomplete Herbarium ein. Der Titel des Werkes verweist auf den im Video dokumentierten Akt der behutsamen Ergänzung durch den Künstler, und zugleich betont er die in jeglicher Form von Taxonomie und Kategorisierung implizit wirksamen Fehlschlüsse und Machtverhältnisse. Die Kamera zeigt in Nahaufnahme ein altes Kräuterbuch; die Hände des Künstlers blättern in seinen Seiten, fügen dem unvollständigen Band eigene Illustrationen von Blumen hinzu. Bourouissa entdeckte das Buch in der öffentlichen Bibliothek von Blida, allerdings ohne Angabe des Verfassers, dessen Absicht es offensichtlich war, einen Katalog der regionalen Pflanzenwelt in Form von Zeichnungen zu erstellen. Der Künstler, der immer schon an den Migrationsumständen von Pflanzenarten, ihren historischen Verbindungen mit kolonialen Expeditionen und ihrer trennenden Einteilung in heimische, fremde und invasive Arten interessiert war, setzt sich mit dem „unsignierten Objekt“ durch eine Geste auseinander, indem er die Hände buchstäblich auf die Vergangenheit des eigenen Landes legt. In Würdigung von Frantz Fanons Präsenz in Blida sitzt eine Paradiesvogelpflanze auf einem Chefsessel neben dem Videomonitor und trägt aktiv zur Tonspur bei, indem ihre Frequenzen anhand eines von der französischen Sounddesignerin Youmna Saba programmierten Systems hörbar werden.

Einige Sequenzen aus Incomplete Herbarium fanden auch Eingang in die im zweiten Raum gezeigte Videoarbeit The Whispering of Ghosts. Sie legt den hinter der künstlerischen Recherche stehenden Ansatz offen: Kein Prozess ist jemals ganz abgeschlossen, jede Ausstellung bietet aufs Neue Gelegenheit, Konfigurationen von Ideen und Materialien zu erproben. Der ursprünglich 2018 erstellte Film wird präsentiert in einer Pergola (umgestaltet von dem Südtiroler Designer Matthias Pötz), die als „offenes“ Kino fungiert und eine gedankliche Verbindung zum Außengarten herstellt. Die Konstruktion entstand – wie das Video dokumentiert – als unmittelbares Ergebnis eines Dialogs zwischen Mohamed Bourouissa und Bourlem Mohamed, einem ehemaligen Psychiatriepatienten der Klinik von Blida, wo Frantz Fanon zur französischen Kolonialzeit als Arzt tätig war und sich erstmals struktureller Probleme bei der psychiatrischen Behandlung algerischer Patient*innen bewusst wurde. Der erratisch montierte Film folgt Bourlem Mohameds Gedankengang, springt von seinen Erinnerungen als Fellagha (einem Freiheitskämpfer im antikolonialen Algerienkrieg) zur Bepflanzung und Pflege des von ihm 1969 angelegten Krankenhausgartens. Von der Praxis der Gartenarbeit hatte sich Frantz Fanon ein Ende der Segregation und Trennung zwischen kolonialen und indigenen Patient*innen erhofft. An dieses Vermächtnis scheint Mohamed Bourouissa anknüpfen zu wollen durch die Hege eines Ökosystems sich uneiniger Stimmen, was von wem zu erlernen sei.

Biografie
Mohamed Bourouissa, geboren 1978 in Blida (Algerien), lebt und arbeitet in Paris. Seine Werke wurden in zahlreichen Einzelausstellungen, u. a. bei den Rencontres d’Arles (2019), im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (2018), im Centre Pompidou, Paris (2018), in der Barnes Foundation, Philadelphia (2017), im Stedelijk Museum, Amsterdam (2016), im Haus der Kunst, München, sowie im FRAC Franche-Comté, Besançon (2014), gezeigt. Er war Teilnehmer der Biennalen und Triennalen in Sydney (2020), Sharjah, Mailand und Liverpool (2019), Havanna und Lyon (2015), Venedig (2011), Berlin (2010) und Algier (2009).

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Kontakte :

Datum und Uhrzeit des Events :

Es gibt Termine vom 18 Sep. 2020 bis 14 Nov. 2020

Notizen über die Uhrzeiten :

mar-ven · Di-Fr: 10:00-13:00; 15:00-19:00, sab/Sa: 10:00-13:00

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