QUER DURCH DIE ALPEN, eine Fotoreportage über die Veränderung der alpinen Landschaft
Die Ausstellung wird gleichzeitig an zehn verschiedenen Orten auf der Südseite des Alpenbogens eröffnet.
Ein Bildfluss aus 274 Fotos, das Ergebnis einer Fotokampagne in den italienischen Alpentälern, von der französischen bis zur slowenischen Grenze: Das ist Quer durch die Alpen, die Fotoreportage über die Veränderung der alpinen Landschaft, ein Projekt, das von der Associazione Architetti Arco Alpino ins Leben gerufen wurde und vom Kollektiv Urban Reports realisiert wurde. Ziel ist es, in Bildern namhafter Fotografen das Alltägliche der Berglandschaft sichtbar zu machen, zu isolieren, zusammenzusetzen und neu zu ordnen, um daraus zu lernen und neue Perspektiven zu erkennen.
Von der französischen Grenze im Westen zur slowenischen Grenze im Osten, 274 ausgewählte Fotos, 10 Provinzen, die aufmerksam untersucht wurden, Tausende zurückgelegte Kilometer, 12 Täler, v. a. Nebentäler – in Südtirol das Martelltal – und ein Ziel: die Zeichen, die Spuren und Merkmale ausfindig zu machen, um mit ihnen die Geschichte der weitläufigen alpinen Kulturlandschaft zu erzählen, die aus Architektur, Formensprachen und Bräuchen besteht. Und um anhand der Formen des Wohnens, der Ressourcen, der Produktion und der Vorrichtungen der Vergangenheit und der Zukunft Hinweise und Anzeichen der Abwanderung und des Verfalls, aber auch Beispiele für eine gegenwärtige Wiederbelebung des Gebiets zu erkennen.
Quer durch die Alpen ist das zweite Projekt der Associazione Architetti Arco Alpino, die 2016/17 den Wettbewerb Rassegna di Architettura Arco Alpino ausgeschrieben hat. Die 246 eingereichten Projekte stellten eine Lese- und Interpretationsmöglichkeit der Alpenlandschaft unter dem Gesichtspunkt der Architektur dar. Dieses zweite Projekt ist eine Erzählung in Bildern, die „eine neue Deutungsebene eröffnen und den Blick auf die gewohnte Nutzung der Gebiete lenken, an der Dialektik und Entwicklung der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt sichtbar werden“, so Alberto Winterle, Präsident der Architekturstiftung.
Es geht um eine Landschaft, an der man das Aufeinanderfolgen von Geschichten, Kulturen, Arten des Wohnens und des Arbeitens im Laufe der Zeit ablesen kann. Ortschaften, Infrastrukturen, Anbauflächen, Tierzuchten, Bauwerke, Gruben. All das sind deutliche Zeichen – oft Narben – der Vergangenheit und der menschlichen Präsenz, die jüngst durch den Tourismus das Verhältnis zwischen Mensch und Natur umgekehrt hat. Die Bergwelt, einst ein gemeinsames Gut, ist nun ein Produkt, die Landschaft ist durch die häufigen Parzellierungen und durch den massenhaften Bau von Zweitwohnungen zum wirtschaftlichen Wert geworden. Die Formen des Wohnens (erstes Kapitel) haben sich verändert. Mehr Menschen wohnen heute in tieferen Tallagen, und zurück bleiben Gemeinschaften, denen die Abwanderung schwer zusetzt, sowie verlassene oder über längere Zeiträume leer stehende Bauten. Die starke Urbanisierung der Talsohle ist ein Phänomen, das dem Alpenraum bislang fremd war.
Das zweite Kapitel ist den Ressourcen und der Produktion gewidmet. Die Fotos rücken die Spuren einer Zeit ins Blickfeld, in der die Nutzung der lokalen landwirtschaftlichen und industriellen Ressourcen oder der Bodenschätze das Gebiet geprägt hat: Diese Zeit hat es fruchtbar und produktiv gemacht, es wurden Leitungen und Anlagen gebaut, Steinbrüche errichtet und Metalle geschürft. Zurück blieben nach der Stilllegung Pfeiler, hohle Gemäuer, aufgelassene Gruben, verfallende Dörfer, Schlünde, Baugruben – industriearchäologische Beispiele, die manchmal zu Wahrzeichen oder Land-Art werden.
Das dritte und letzte Kapitel der Ausstellung betrifft die Vorrichtungen, also die Mikro- und Makroinfrastrukturen, die das Zusammenleben von Mensch und Natur ermöglichen, indem sie Hänge sichern, verbauen, abtragen, überbrücken, Verbindungen schaffen, Entfernungen abbauen, am Felsen haften und Landschaften zeichnen: Netze, Nieten, Schutzbauten, Straßen, Brücken, Wege, Auffangbecken, bewehrte Erde, Wälle, Mauern und Parkplätze, aber auch kleine, seltsame Vorrichtungen, die als gefährlich gekennzeichnet sind. Im Mittelpunkt stehen hier die Naturgewalten und ihre Bändigung durch den Menschen.
Die Reise durch diesen komplexen und weitläufigen Raum hat auch zu Begegnungen mit den lokalen Gemeinschaften geführt und zugleich mit den Unterschieden traten auch die gemeinsamen Absichten und Herausforderungen ans Licht. Dies führte zum Austausch über analoge Themen, die je nach örtlichen Traditionen entwickelt wurden – diesem Erbe aus Architektur, Wissen, Sprache, Kultur und Traditionen, das heute noch von
grundlegender Bedeutung ist. Es gibt eine urbanisierte, modellierte, geebnete, gerodete und durch Infrastrukturen erschlossene Bergwelt, die globalisiert ist und für Urlauber attraktiv gestaltet wurde. Daneben gibt es heute Täler, deren Bewohner sich jeden Tag hartnäckig den Herausforderungen des unwirtlichen Umfelds stellen. Neben Beispielen der Überlebenskunst und des Widerstandes – dem Gegenteil der Abwanderung – gibt es auch Formen des Zurückkommens und der Wiederentdeckung des Lebens in den Bergen, trotz aller Schwierigkeiten. Wo Erde, Stein, Wasser, Wald, Lebensräume, Hänge und Klima zwar Ressourcen und eine Chance für einen Wiederaufnahme der Produktion darstellen, vor allem aber wieder als gemeinsames Umweltgut betrachtet werden. Dies sind ermutigende Zeichen dafür, dass der Alpenraum seinen Wert als Kulturlandschaft und gemeinsames, unersetzbares Erbe wieder zurückgewinnt.
Turris Babel, die Zeitschrift der Architekturstiftung Südtirol, widmet diesem Projekt eine monografische Ausgabe, die alle Fotos von Urban Reports über die zeitgenössische Alpenlandschaft enthält, sowie die dazugehörigen Texte, die das Projekt geleitet haben.
Die Associazione Architetti Arco Alpino besteht aus den Architektenkammern von Aosta, Belluno, Bozen, Cuneo, Novara und Verbano Cusio Ossola, Sondrio, Turin, Trient, Udine und Vercelli.
Die 274 Fotos von Urban Reports wurden auf den Straßen und Wegen im Val Tanaro (CN), Val Chisone (CMTO), im Talkessel von Saint-Nicolas (AO), im Val Sermenza und Val d’Otro (VC), Val Divedro (NOVCO), in Valmalenco (SO), im Val di Rabbi (TN), im Martelltal (BZ) sowie zwischen dem Cadore und Comelico (BL) und im Kanaltal (UD) aufgenommen.
Maria Hochgruber Kuenzer, Landesrätin für Raumentwicklung, Landschaft und Denkmalpflege der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, die eine Widmung für die Recherche verfasst hat, sagt: Diese Ausstellung zum alpenumspannenden Wohnen und Arbeiten schafft die Gelegenheit nachzudenken, wie wir die vielfältigen Ressourcen der Alpen für die Zukunft stärken können. Unser Land, die Autonome Provinz Bozen, gestaltet seit über 40 Jahren sorgfältig den Prozess der mit den gesellschaftlichen Entwicklungen einhergehenden Landschaftsveränderungen. Die Landschaft zählt seit jeher zum kulturellen Leben der Bewohnerinnen und Bewohner von Südtirol. Daher plädiere ich für eine Architektur, die Impulse setzt und Formen aus der Tradition mit der Moderne verbindet – und die in der Planung auch die Landschaft berücksichtigt und neue Gebäude darin einbaut. Wir sind in einer Zeit, in der wir unwillkürlich dazu aufgefordert sind, dafür zu sorgen, dass der Alpenbogen für die nächsten Generationen ein sicherer Ort sein kann.