Chaw Ei Thein (Myanmar, 1969), Htein Lin (Myanmar, 1966), Ko Latt (Myanmar, 1987), Moe Satt (Myanmar, 1983), Nge Lay (Myanmar, 1979), Amol K. Patil (India, 1987), Yadanar Win (Myanmar, 1987)
In der Ausstellung Die Fliege is a fly in volo, kuratiert von Zasha Colah e Francesca Verga, (re)konstruiert die Ar/Ge Kunst Formen von kulturellem Gedächtnis, (re)präsentiert und (re)inszeniert sie, um vor Augen zu stellen, wie die Vorstellungskraft „ein Loch durch die Gefängniszellenwand bohren kann“.
Die Fliege is a fly in volo untersucht künstlerische Überlieferung in Situationen des Zwangs. Die Ausstellung spürt der Weitergabe eines im Verborgenen geschaffenen kulturellen Werkes—Htein Lins Performance The Fly—anhand von Wiederaufführungen durch den Künstler selbst sowie in seiner Abwesenheit durch weitere Künstler*innen nach, die das Werk aus eigener Zeug*innenschaft kennen.
Während der sechseinhalb Jahre, die der Künstler Htein Lin von 1998 bis 2004 während der zweiten Militärdiktatur Myanmars in politischer Haft verbrachte, konzipierte er mehrere Performances: 0+0+0=0 (1999, Gefängnis von Mandalay), The Fly (2001), Cleaner (2002) und Life (2003, alle drei im Gefängnis von Myaung-Mya). Die Uraufführung von The Fly erfolgte 2001 im Rahmen einer einzigen Darbietung für etwa 30 politische Mitgefangene.
Die Performance The Fly basiert auf einer Strafe, die sich die Gefängniswärter ausgedacht hatten. Neben weiteren Strafmaßnahmen wie der berüchtigten „Motorrad“—Haltung, Folter, Einzelhaft und Schlägen, die von politischen Häftlingen als „Hölle auf Erden“ beschrieben wurden, befahlen die Wärter, jeden Tag bis zu 200 Fliegen und Mücken mit bloßen Händen zu fangen. Die Absurdität dieser Strafe findet ihren Niederschlag in der schwarzhumorigen Komödie und der Mimik von Htein Lin, wenn er in The Fly an den Stuhl gefesselt auftritt und den unablässigen Kampf um die Vertreibung der Fliegen aufnimmt. Die ersten Aufführungen des Werkes außerhalb des Gefängnisses fanden Anfang 2005 anlässlich der Gangaw Village Artist Group Show in Yangon sowie im August 2005 im Institut Français statt.
Der Künstler Amol K. Patil bringt dieses Werk anlässlich der Ausstellung Die Fliege is a fly in volo in der Ar/Ge Kunst 2023 in Form einer Klangskulptur und einer holografischen Videoarbeit erneut zur Aufführung. Im selben Kontext identifiziert sich auch Moe Satt mit The Fly, um auf seine eigene Hafterfahrung im Insein Gefängnis in Yangon im Jahr 2021 hinzuweisen.
Chaw Ei Thein arbeitet mit Htein Lin bereits seit der gemeinsamen Collegezeit als Performance-Duo zusammen.
Jede dieser Rekonstruktionen durch andere Künstler*innen war eine Übung in der Überwindung von Abwesenheit. Die ursprünglichen Gefängnisperformances leben allein in der Erinnerung fort, in einer Art mündlicher Überlieferungsgeschichte, die in Form von Gerüchten weitergegeben wird.
In der Ausstellung der Ar/Ge Kunst findet die oben genannte Performance ihren Nachklang in neuen, von einer jüngeren Künstler*innengeneration erzählten Geschichten. Nge Lay realisiert eine eigens entstandene Performance und Videoarbeit. Moe Satt hingegen zeigt eine Video-Performance, die 2022 unmittelbar vor der Ausgangssperre auf einer leeren Straße am Gericht in Yangon gedreht wurde. Yadanar Win erzählt die Geschichten weiblicher Gefängnisinsassen anhand von Wahlkampf-Anstecknadeln und wird im Laufe der Ausstellungsdauer gemeinsam mit Ko Latt eine Performance aufführen, die eine neue Erzählung ausgehend von ihrem gemeinsamen Werk Artist Street (Yangon 2021) präsentiert.
Auch die während Htein Lins erstem Gefängnisaufenthalt im Verborgenen entstandenen Gemälde konnten durch eine Folge von Weitergaben gerettet werden: Zunächst wurden sie von den Gefängniswärtern an seine erste Frau übergeben und im Anschluss an Htein Lins Freilassung im November 2004 von ihm an Chaw Ei Thein, die die Werke erstmals im Mai 2005 in Yangon zeigte. Nach der vorzeitigen Schließung der nach seiner Gefangenennummer benannten Ausstellung 000235 wurde der Künstler von Chaw Ei Thein und einem gemeinsamen Freund der damaligen britischen Botschafterin, Vicky Bowman, vorgestellt, die dafür sorgte, dass die Gemälde zur sicheren Verwahrung an das International Institute of Social History, Amsterdam übersandt wurden, wo sie sich derzeit befinden und das 20 Leihgaben für die Ausstellung in der Ar/Ge Kunst zur Verfügung gestellt hat. Htein Lin brachte 1999 im Gefängnis von Mandalay heimlich eine Zeitschrift für experimentelles literarisches Schreiben unter dem Titel Ar Youn (Morgengrauen) heraus, gab bei seinen Mitgefangenen Texte in Auftrag und illustrierte sie. Es erschienen mindestens zwei Ausgaben. In einer davon erschien auch Htein Lins Kurzgeschichte The Special Court (Das Sondergericht), die seine eigene, der Verurteilung zu einer Haftstrafe vorausgehende Gerichtsverhandlung beschreibt, die von Ar/Ge Kunst publiziert wird.
Anlässlich der Ausstellung Die Fliege is a fly in volo startet die Publikationsreihe Novellas, die kollektive Formen der Kulturproduktion behandelt und sich vor allem darauf richtet, wie individuelle Akte der Imagination und Fabulation in gemeinsamen Kontexten kollektiv werden können. Diese Buchserie wird herausgegeben von Zasha Colah und Francesca Verga und grafisch bearbeitet von Giulia Cordin.
Mit Dank an:
Collection Htein Lin, International Institute of Social History (IISG), Amsterdam, für die Leihgabe von Werken.
Museion (Atelier)
Bozen Fakultät für Design und Künste, Freie Universität Bozen
Helfen ohne Grenzen
Parkhotel Laurin
CAST
Mit finanzieller Unterstützung von:
Autonome Provinz Bozen, Abteilung Kultur
Autonome Region Trentino Südtirol
Stadt Bozen, Abteilung Kultur
Stiftung Südtiroler Sparkasse, bozen
Parkhotel Laurin
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