Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurden alle Grenzen in Bezug auf das menschliche Leid, die Zerstörung und den Verlust der Vernunft überschritten. Die Folgen des Krieges sind immer noch nicht überwunden: die Friedensverträge von 1919-1922 zogen neue politische Grenzen mit sich, die bis heute weitere blutige Konflikte verursachen, im Balkan, der Ukraine, dem Nahen Osten, usw.
Das Thema dieser Ausstellung ist die Grenze in all ihren einzelnen Aspekten (Geographie, Kultur, Identität, Gender ...), insbesondere in Bezug auf die ladinischen Täler rund um das Sellamassiv: die Front hat sie durchquert und getrennt, Flüchtlinge und Gefangene wurden in die Ferne zerstreut, die Gemeinschaft wurde gespalten, das Gebiet veränderte sein Aussehen. Nichts würde jemals wieder so sein wie vorher.
Nur wenige Jahre zuvor hatten sich die Dolomiten der Welt geöffnet: durch neue Straßen, die Eisenbahn und Werbekampagnen kamen die Bergsteiger-Touristen in Scharen und so wuchs der Wohlstand, aber 1914 endete das alles abrupt.
In diesem kleinen Flecken Land an der Grenze zwischen Österreich und Italien können wir die Mechanismen dieses Krieges gut verstehen: wir lesen darüber in Briefen oder Tagebüchern, sie sind auf Fotografien der Zerstörung und Entwurzelung verewigt. Vor allem erzählen uns die Zeitzeugen der 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts über diesen Krieg und spiegeln dabei eine bestürzte Menschheit ohne Grenzen wider.
Das Thema dieser Erzählung ist die Bevölkerung, zwischen Geschichte und Erinnerung: die Männer bzw. Soldaten an verschiedenen Fronten machen unbeschreibliche Erfahrungen, die Frauen und Kinder hinter der Front oder im Exil müssen mit der Kriegswirtschaft und mit den Schwierigkeiten des erzwungenen Zusammenlebens zurechtkommen. Die Beziehungen zu den politischen und religiösen Führern sind durch den Krieg bestimmt, die Fiktion der Propaganda wird Wirklichkeit. Alle üblichen Bezugspunkte verschwinden.
Nach dem Krieg ändert sich auch der Horizont der eigenen Identität, durch die Verschiebung der Grenze zum Brenner und den Staatenwechsel von Österreich zu Italien. Man muss deshalb nicht nur das zerstörte Gebiet wiederaufbauen sondern auch sich selbst neu definieren und das wird nicht einfach sein: Ansprüche, Nostalgie und Mythen werden die ladinische Geschichte während des zwanzigsten Jahrhunderts begleiten.