Event-Informationen
Die Ausstellung sollte man sich wie ein echtes “Zweistimmiges Ricercar” vorstellen, eine Art Route auf den Spuren von etwas, was einem entgleitet, etwas, was zuerst ermittelt werden muss, noch bevor man danach sucht. Stimmungsvoll, der Ausstellungstitel, ist auch der Begriff, der diese Komposition am besten definiert. Das deutsche Wort bezieht sich eigentlich auf das Stimmen der Instrumente, auf ihre harmonische Temperatur, aber auch auf eine psychologische, mentale, wohltemperierte Stimmung. Da ein entsprechender italienischer Terminus dafür fehlt, soll der Begriff die Übereinstimmung der Gefühle ausdrücken, die ein Mensch angesichts dessen empfindet, was ihn umgibt. Was die beiden bekannten Künstler Gianni Dessì und Giuseppe Spagnulo bei ihrer gemeinsamen Ausstellung, die am 21.September in der Galerie Antonella Cattani contemporary art eröffnet wird, verbindet, sind nämlich nicht so sehr die programmatischen Aspekte als vielmehr eine bestimmte Haltung. Durch ihren undogmatischen Zugang vermögen die Werke von Dessì und Spagnulo eine Suggestion auszuüben, die über die reine Materialität hinausgeht und metaphorische, phantastische Energien entwickelt. Die Auseinandersetzung mit dem Problem und das beständige Hinterfragen der künstlerischen Beziehung zum Material und seinen emotionalen Wirkungsweisen in Malerei wie Skulptur sind typisch für Gianni Dessìs Arbeitsweise und stellen ebenso Konstanten in Giuseppe Spagnulos Arbeit dar. Die ausgestellten Werke weisen deutliche Spuren des Herstellungsprozesses und der Aktionen auf, durch die sie geschaffen wurden. In Dessìs Gemälden sind die Gesten erkennbar, die die Farbe auf die Fläche auftrugen und die Eingriffe, die dazu dienten, die auf der Leinwand applizierten Unterlagen aufzukleben, zu biegen und in Form zu bringen. Alles erscheint in Funktion der Schöpfung eines Bildes, das kodierte Schichten und Bedeutungen aufnehmen und schon durch seine pure Präsenz die Komplexität der Beziehung wiedergeben soll, die wir mit der uns umgebenden Realität eingehen. Das ist der Fall beim Gemälde mit dem Titel Gemma 2010 (Edelstein), in dessen Zentrum die Form eines facettierten Diamanten aufscheint, der in sich das Wesen der Unbestimmtheit bewahrt, da er ein Mineral ist, das in vielen verschiedenen Formen auftritt. Dessìs Skulptur vertreten in der Ausstellung bedeutsame Raku-Keramiken. Die archaischen, aus Ton geformten Figuren, die auf einem Kubus stehen, der selbst ein Geheimnis birgt, wechseln mit Keramiken ab, die durch die Farbe Gelb gekennzeichnet sind – vom optischen Gesichtspunkt aus die impertinenteste Farbe, die es gibt, weil sie ständig in Bewegung zu sein scheint (Dessì). Eben dieser Praxis entsprechen auch einige der ausgestellten Werke von Giuseppe Spagnulo; etwa Sole Rosso, 2011 (Rote Sonne), ein Werk, in dem sich Malerei und Skulptur dieselbe Fläche teilen. Die große Terrakottascheibe, die den oberen Bereich des Werks beherrscht, hat zwar Anteil an der von der Kreisform suggerierten Perfektion, vertritt jedoch auch den Nebensinn einer Unvollkommenheit, weil sie sich auf die Welt des Werdens bezieht, auf den Sonnenmythos. Spagnulo (1936, Grottaglie, Tarent - 2016, Mailand), anerkannt als einer der wichtigsten Interpreten, die imstande waren, die archaischen Wurzeln des Kulturphänomens mit den neuen Errungenschaften der mechanisch-technologischen Mittel zu verbinden, um zu Formen von radikaler Schlichtheit vorzudringen, hat immer dem dialektischen Bezug seiner Arbeit zur Realität den Vorrang eingeräumt. Seine Skulpturen aus geschmiedeten Stahl wie das ausgestellte Werk Sole Nero, 2011 (Schwarze Sonne), weisen die vom Feuer geprägten Brandzeichen auf, die von den tiefsten, deutlichsten Einschnitten bis hin zu solchen mit verschwommenen Konturen reichen. Die Ausstellung setzt sich mit den Werken fort, die dem Zyklus Panorama scheletrico del mondo, 2008-2014 angehören (Skelettpanorama der Welt). Es handelt sich um taktile Werke auf Papier, die mit Materialien wie Vulkansand ausgeführt sind; darin gibt es Kristalle, die das Licht reflektieren, Kohle und Eisenoxyd.