Event-Informationen
http://projectspace70.com/Sich-einwurzeln-Radicarsi-Grounding The Power of the Center Sara Fontana Ein künstlerischer Pfad, der auf die Malerei beschränkt schien, sich aber ausweitete auf die Erforschung anderer künstlerischer Mittel. Malerei, Zeichnung, Verzierung, Installationen, Drucke, Plakate und ein Buch der Künstlerin, durchzogen von Schriftstücken und genährt von der Lektüre und heterogenen visuellen Quellen, formen ein harmonisches Ambiente, schwebend zwischen Form und Geist. Ein Raum, in dem Kikki Ghezzi ihre eigenen Reflexionen zu Identität verfeinert, die Kraft einer Freiheit und eines neuen Bewusstseins. Rosa ist die dominante Farbe, rosa sind die Erlebnisse, die Bilder und die Objekte, die sie ausfüllen, bei einer bezaubernden “femme-maison“ beginnend. Die Sequenz von Drucken verschärft sich dieser netzartige und fortdauernde Wesenszug, ausgearbeitet in den letzten Zeichnungen mit “Porträts“ von Wurzeln, wo sich die chromatischen Wahrnehmungen summieren. Mit den vorhergehenden Untersuchungen befasst sich auch die neue Serie der Ölmalereien —von Celestial Roots bis I am That I Am bis Power of the Center I und II —wo die Spuren der Erinnerung bereits verwandelt sind, eingerichtet auf dem Grat zwischen Naturalismus und Mystizismus, und wo Geste und Handlung aus der zentripetalen Kraft ausbrechen, ohne jedoch die Kontrolle über die Komposition aufzugeben. Die Künstlerin kehrt dann zurück zum Motiv des Koffers, der Erinnerung und Duchamps Modell, und entwickelt zwei Installationen, lebendig erhalten durch die Intervention des Betrachtenden. Hier enthüllt sich, dass sich die Wurzel überhaupt nicht aufgelöst hat auf der Bühne des Bildes. Präsent und greifbar, ist sie lediglich in Erwartung einer Enthüllung. In dieser Dialektik intern/extern, sichtbar/unsichtbar, Traum/Realität, ordnen sich auch die künstlerischen Figuren, die nach Aussage der selben Ghezzi, mehr als andere, diese ihre neue Arbeit stimuliert haben: Über das Zitat Marcel Duchamps hinaus, ein fast obligatorischer Weg, Georgia O‘Keeffe und Loise Bourgeois, Meisterinnen —in unterschiedlicher Art und Weise —im Zusammenleben-Lassen von Einheit und Abstraktion und in der Überlagerung des weiblichen Körpers auf den Formen/Kräften der Erde und der Natur. L’enracinement von Kikki Ghezzi Ilaria Riccioni Simone Weil beschreibt enracinement als eines der Grundbedürfnisse der Seele des Menschen. Bereits seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird dieses Bedürfnis von der westlichen Welt systematisch bedroht und somit auch der Ursprung einer potenziellen und unsichtbaren universellen Gemeinschaft. Enracinement, oder der Akt der Verwurzelung, ist laut Weil nicht nur an das Überleben des Individuums gebunden, sondern lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie die Verbindung zu einem physischen Ort dem Bedürfnis nach spiritueller Nahrung gerecht wird, dargestellt durch ein feines Netz von Beziehungen, welches vom Persönlichen ins Universelle wirkt. In diesem Sinne scheint es, als nähme Kikki Ghezzi in ihrer Arbeit dasselbe Bedürfnis wieder auf, wenn auch aus anderen Beweggründen. Die Ausstellung zeigt wie die Künstlerin ihre eigenen Prozesse der Verwurzelung wieder aufarbeitet - ein persönlicher Prozess mit universeller Gültigkeit. Die Wurzeln als Symbol und Objekt ziehen sich wie ein roter Faden durch einen kreativen Prozess, in dem die Künstlerin sich selbst und uns fragt, nach Herkunft und Bedürfnis der eigenen Wiedergeburt, nach Heimat in der Veränderung zu finden. Was ist die richtige Distanz zu den eigenen Wurzeln? Das Schwanken zwischen der Vergangenheit als “erste Wurzel”, die Nahrung gibt, und der persönlichen Erfahrung, um sich dem Neuen zuzuwenden, der Notwendigkeit um “die Ängste in Liebe zu verwandeln” und sie in einem künstlerischen Werk zu manifestieren, welches mit den starken Emotionen der Farben spielt. Auf dem Hintergrund der Erinnerung, in Vorbereitung auf einen kosmischen und universellen Gleichklang, finden sich die Spuren der künstlerischen Werke und Objekte. Die Objekte bilden die Summe der künstlerischen Arbeit von Kikki Ghezzi: Das Koffer-Haus, als alchemistischer Behälter, transformiert, nach Duchamp den Akt des Malens in einen künstlerischen Akt. Die Wurzel im Koffer, wo das Territorium zum Ort wird, mit Spuren der Erinnerung, welche sich in einem neuen Antrieb transformieren. Der Weg zwischen Verwurzelung und Entwurzelung zeigt und spiegelt die Veränderungen wieder, ohne sie jedoch zu fixieren, Spuren, gezeichnet durch Gefühl. Aus dem zweiten Koffer präsentiert sich eine rosa farbene Installation, die in den Himmel gerichtet ist. Im Zentrum der Installation befindet sich eine schwebende rote Wurzel, die den Anschein erweckt, als wolle sich etwas manifestieren, was normalerweise unsichtbar im Boden bleibt. Vielleicht will uns die Künstlerin dazu einladen, die Bedeutung von Territorium neu zu betrachten als Raum, als Beziehung durch Aktion und Bewegung, im Sinne einer erweiterten Zugehörigkeit als die der Idee der franziskanischen Brüderlichkeit. Es scheint, als wolle Kikki Ghezzi uns spielerisch mitteilen: Omnia mea mecum porto, um eine oft leidvolle Erfahrung in einen kreativen Dialog von Farben zu transformieren. Eine Vielzahl von Mitteilungen, chromatische Drucke in allen Variationen, Koffer-Schachtel: Funktionales Objekt und Symbol der materiellen Entwurzelung und die Verwurzelung im Herzen noch einmal zwischen dem Persönlichen und dem Universellen. Ein persönlicher Weg der Wiederentdeckung der Herkunft, der ein intuitives Sammeln der Entwurzelung in der globalen Gesellschaft zu sein scheint. Die komplexen Identitäten, die sich darin bewegen und die zunehmende Antiterritorialität der Kommunikationsmittel, bis hin zu historischen und politischen Fragen, die Südtirol als Grenzland verkörpert.